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DENKFABRIK
Gesundheit by FLYERALARM e.V.
Alfred-Nobel-Straße 20
97080 Würzburg
Jochen Seuling
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Längere Wimpern, glattere Haut, mehr mentale Klarheit: In sozialen Medien versprechen Trends schnelle Ergebnisse. Manche davon haben ernste Nebenwirkungen, über die kaum jemand spricht. Andere Warnungen dagegen halten keinem Faktencheck stand.
Ein kurzes Video, ein Vorher-nachher-Bild, ein Rabattcode: So verbreiten sich Beauty- und Gesundheitstrends heute. Was dabei fast immer fehlt, ist der Beipackzettel. Gerade bei Wirkstoffen, die eigentlich aus der Medizin stammen, kann das riskant werden. Gleichzeitig kursieren Warnungen, die wissenschaftlich längst widerlegt sind. Wir schauen uns vier Beispiele genauer an: was sie versprechen, was tatsächlich dran ist und worauf Verbraucherinnen und Verbraucher achten sollten.
In Hollywood und auf Social Media gilt eine niedrig dosierte Aknetherapie gerade als Geheimtipp für glattere Haut. Der Wirkstoff Isotretinoin ist ein sehr potentes Vitamin-A-Derivat und in Deutschland verschreibungspflichtig. Zugelassen ist er zur Behandlung schwerer Akne. Als Nebeneffekt kann er die Kollagenbildung anregen, Falten mildern und das Hautbild aufhellen. Genau das macht ihn für Beauty-Zwecke interessant.
Isotretinoin ist stark teratogen, also fruchtschädigend. Wird eine Frau während der Einnahme schwanger, kann das Kind schwere Fehlbildungen entwickeln. Deshalb gilt für Frauen im gebärfähigen Alter ein verbindliches Schwangerschaftsverhütungsprogramm. Es sieht unter anderem vor, bereits einen Monat vor Therapiebeginn, während der gesamten Einnahme und einen Monat danach ununterbrochen wirksam zu verhüten. Dazu kommen ärztlich überwachte Schwangerschaftstests. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat zuletzt 2024 per Rote-Hand-Brief an diese Regeln erinnert, weil sie in der Praxis nicht ausreichend eingehalten werden.
Unser Rat: Isotretinoin gehört in ärztliche Hand. Wer sich für eine Therapie interessiert, spricht mit einer Hautarztpraxis.
Viele Wimpernseren, die online, in Drogerien oder im Handel angeboten werden, enthalten Prostaglandin-Derivate. Die Stoffgruppe stammt aus der Augenheilkunde: Wirkstoffe wie Bimatoprost oder Latanoprost senken bei Glaukom-Patientinnen und -Patienten den Augeninnendruck. Dabei fiel ein Nebeneffekt auf. Die Wimpern werden dunkler, dichter und wachsen länger als gewöhnlich. In Kosmetika stecken allerdings meist nicht die gut untersuchten Arzneistoffe selbst, sondern chemisch verwandte Abwandlungen, über deren Sicherheit deutlich weniger bekannt ist.
Der Wimpern-Effekt beruht auf einer verstärkten Einlagerung des Farbstoffs Melanin. Die passiert aber nicht nur in den Wimpern, sondern auch in der Haut und im Auge. Mögliche Folgen:
Augenringe und Fettgewebsschwund können noch lange nach dem Absetzen bestehen bleiben. Schwangere und Frauen, die schwanger werden möchten, sollten prostaglandinhaltige Seren vorsorglich gar nicht verwenden.
In Kanada sind Prostaglandine und ihre Abkömmlinge in Kosmetika bereits verboten. In der EU hat der wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit (SCCS) mehrere gängige Prostaglandin-Derivate in Wimpernseren als nicht sicher eingestuft. Ein EU-weites Verbot wird diskutiert, ist aber noch nicht beschlossen. In Deutschland warnen Behörden wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit seit Jahren vor diesen Produkten. Den Verkauf einzelner Seren haben sie bereits untersagt, zuletzt bestätigt vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg im März 2026.
Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste reicht meist aus. Taucht dort die Silbe „prost“ auf – egal an welcher Stelle im Namen, etwa bei Isopropyl Cloprostenate oder Methylamido Dihydro Noralfaprostal –, enthält das Produkt ein Prostaglandin-Derivat. Dann lieber Finger weg. Wer auf längere Wimpern nicht verzichten möchte, findet hormonfreie Alternativen, zum Beispiel mit Peptiden.
„Mentale Klarheit“, „innere Ruhe“, „kraftvolle kognitive Präsenz“: Mit solchen Versprechen werden im Onlinehandel derzeit Nahrungsergänzungsmittel mit Lithium beworben, teils auch zum Schutz vor Demenz. Ende August 2026 hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ausdrücklich vor diesen Produkten gewarnt. Lithium darf Lebensmitteln in der EU nicht zugesetzt werden – auch nicht in Form von Nahrungsergänzungsmitteln und unabhängig von der chemischen Verbindung, etwa Lithiumorotat.
Als Arzneimittel hat Lithium seinen festen Platz, zum Beispiel bei bipolaren Störungen. Dort wird es ärztlich verordnet und der Blutspiegel regelmäßig kontrolliert. Der Grund: Zwischen wirksamer und schädlicher Menge liegt nur ein kleiner Spielraum. Bereits eine moderate Erhöhung des Lithiumspiegels kann laut BVL schwerwiegende Folgen haben.
Gleichzeitig fehlt die Grundlage für den Hype. Lithium kommt natürlicherweise nur in sehr geringen Mengen in Lebensmitteln vor, seine Funktion im Körper ist nicht abschließend geklärt. Es gibt keine aussagekräftigen Belege, dass Lithium aus der Nahrung die geistige Leistungsfähigkeit beeinflusst oder, dass es einen Lithiummangel gibt, der über die Ernährung ausgeglichen werden müsste.
Schwere Vergiftungen können zu Krampfanfällen, Koma oder zum Tod führen. Wer nach der Einnahme eines solchen Präparats Beschwerden bemerkt, sollte ärztliche Hilfe suchen oder sich an einen Giftnotruf wenden. Bei schweren Symptomen gilt: sofort den Notruf 112 wählen.
Mehr zur Einordnung bieten die Stiftung Warentest und die Pharmazeutische Zeitung.
Während riskante Trends oft kaum hinterfragt werden, gerät ein bewährter Wirkstoff in sozialen Medien regelmäßig unter Verdacht: Fluorid. Wir haben die drei häufigsten Behauptungen geprüft.
Falsch. Fluorid gehört zu den am besten untersuchten Substanzen der Zahnmedizin. Seine Wirksamkeit in der Kariesvorbeugung ist seit Jahrzehnten gut belegt.
Falsch. Hinter dieser Behauptung steckt vermutlich eine Verwechslung. Fluor ist ein hochgiftiges Gas. Fluorid dagegen ist das Salz-Anion des Elements und damit eine andere chemische Verbindung. Wie so oft gilt: Die Dosis macht das Gift. Für eine akute Vergiftung mit Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall müsste ein Erwachsener mehrere Tuben Zahncreme auf einmal schlucken. In den üblichen Mengen aus Zahnpasta oder fluoridiertem Speisesalz ist Fluorid sicher.
Falsch. Früher gaben Kinder- und Zahnärzte tatsächlich unterschiedliche Empfehlungen. Seit 2021 gibt es jedoch einheitliche Handlungsempfehlungen für Kinder von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr. Erarbeitet hat sie das Netzwerk Gesund ins Leben gemeinsam mit allen relevanten Fachgesellschaften aus Kinder- und Zahnmedizin sowie Ernährungswissenschaft. Je nach Alter kombinieren Eltern Vitamin-D-Präparate mit oder ohne Fluorid mit fluoridhaltiger oder fluoridfreier Zahnpasta. Wichtig ist nur: Fluoridhaltige Zahnpasta und Fluoridtabletten sollten nicht gleichzeitig verwendet werden. Welche Kombination passt, klären Eltern am besten in der Kinderarzt- oder Zahnarztpraxis.
Der Hintergrund: Eine dauerhaft zu hohe Fluoridaufnahme kann während der Zahnentwicklung zu einer Dentalfluorose führen, also zu weißlichen bis gelblich-braunen Flecken auf den Zähnen. Sehr hohe Mengen über viele Jahre können eine Skelettfluorose mit brüchigeren Knochen und Gelenkveränderungen auslösen. Bei korrekter Umsetzung der Empfehlungen werden diese Mengen nicht erreicht.
Die vier Beispiele zeigen ein Muster: Wo Arzneistoffe zu Beauty- oder Lifestyle-Produkten werden, verschwinden die Schutzmechanismen der Medizin: ärztliche Begleitung, Dosiskontrolle, Aufklärung über Risiken. Und wo ein gut erforschter Wirkstoff wie Fluorid pauschal verteufelt wird, führt Verunsicherung schnell zu schlechteren Entscheidungen.
Drei Fragen helfen bei jedem neuen Trend: Woher stammt der Wirkstoff? Wer hat die Sicherheit geprüft? Und wer profitiert vom Versprechen? Im Zweifel lohnt ein kurzes Gespräch in der Apotheke oder Arztpraxis bevor das Produkt im Warenkorb landet.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder pharmazeutische Beratung
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