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Gesundheit by FLYERALARM e.V.
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Jochen Seuling
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„Zahlen lügen nicht“ – aber sie sagen nicht immer die Wahrheit. Die DENKFABRIK Gesundheit hat einen aktuellen Blick auf die Gesundheitsversorgung im Würzburg und Würzburg-Land geworfen.
20.12.2025
Das Ergebnis: die ärztliche Versorgung ist – rein statistisch betrachtet – mehr als ausreichend. Doch Zahlen sind Werkzeuge, keine Wirklichkeit. Eine Bestandsaufnahme.
In der Stadt Würzburg leben rund 133.00 Einwohner, im Landkreis Würzburg sind es ca. 162.000 Menschen. Sie möchten sich darauf verlassen können, dass ihre gesundheitliche Versorgung jederzeit gesichert ist. Für die Region Würzburg gelten die bundeseinheitlichen Basiswerte, die je nach Regionstyp leicht angepasst werden können. Die aktuellen Soll-Verhältniszahlen –als Beispiele – sind:
Der Versorgungsgrad beschreibt, wie gut die Bevölkerung einer Region mit medizinischen Leistungen versorgt ist. Er wird in Prozent angegeben und ergibt sich aus dem Verhältnis von IST-Niveau (tatsächliche Anzahl der Ärzte in einer Region) zum SOLL-Niveau (laut Bedarfsplanung). Bei über 100 % spricht man von einer „Überversorgung“. Hier gibt es – theoretisch – mehr Ärzte „als nötig“. Die Auswertung zeigt aber, dass in Würzburg-Land die Werte dem Soll gerade (noch) entsprechen. Bei einem anhaltenden Trend beispielsweise bei Praxisaufgaben wegen fehlender Nachfolgeregelung drohen hier schnell Unterversorgungen.
Gibt es in Mainfranken genügend Ärztinnen und Ärzte, um den Menschen der Region ein ausreichendes und leicht zugängliches ambulantes Versorgungsangebot zu garantieren? Diese Frage beschäftigt sicherlich zahlreiche Patientinnen und Patienten – vor allem, wenn sie einen Termin haben wollen. Laut einer GKV-Versichertenbefragung 2024 nannten 31 % der Befragten die Wartezeit als „zu lang“ oder „viel zu lang“. 25 % gaben an, länger als 30 Tage auf einen Termin für einen Facharzttermin warten zu müssen. Die naheliegende Formel – es braucht einfach mehr Ärzte.
Doch so einfach ist dies eben nicht. Die sogenannte Bedarfsplanung für die ärztliche Versorgung in Deutschland regelt, wie viele Ärzte in welcher Region tätig sein dürfen. Sie basiert auf gesetzlichen Vorgaben und wird von den gesetzlichen Krankenkassen sowie den Kassenärztlichen
Vereinigungen umgesetzt. Basierend auf einem komplexen und regelmäßig aktualisiertem System wird so die Versorgung bundesweit als auch regional gesteuert. Eine wichtige statistische Größe: die Berechnung des Versorgungsgrades. Für jede Facharztgruppe wird regional berechnet, wie viele Ärzte pro Einwohner notwendig sind. Daraus ergibt sich ein Sollwert, der gleichzeitig Gradmesser ist, ob eine Region über- oder unterversorgt ist. Wenn ein Bereich als „überversorgt“ gilt, dürfen dort, Sonderregelungen ausgenommen, keine neuen Vertragsärzte zugelassen werden.
Und da überrascht ein Blick auf die aktuellen Zahlen der Versorgungsgrade zunächst einmal positiv. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) bietet auf ihrer Website einen detaillierten Versorgungsatlas, der auch für Mainfranken und Würzburg relevante Informationen enthält und führt auf: In keiner ärztlichen Fachrichtung besteht eine Unterversorgung. Es gibt hier – eigentlich – durchweg ausreichend ambulante Versorgung.
Beispiel: Hausärzte in Würzburg Stadt. Die Sollzahl, die laut Bedarfsplan für eine angemessene Versorgung erforderlich wären, beträgt hier „ein Hausarzt pro 1.616 Einwohner“. Der Versorgungsgrad ergibt sich nun aus dem Verhältnis von tatsächlich vorhandenen Hausärzten zu dieser bundeseinheitlich festgelegten Soll-Versorgungszahl und ergibt für Würzburg den Wert von 134 %. Oberhalb eines Wertes von 110 % wird dies als „Überversorgung“ bezeichnet.
Soweit die Theorie. Zwar gelten Statistiken oft als Inbegriff von Objektivität, doch ihre Aussagekraft hängt stark davon ab, wie sie erhoben werden, ob sie dynamischen Entwicklungen angepasst werden und welche beeinflussenden Faktoren mathematisch gar keinen Einfluss haben. So gilt das bestehende System durchaus als zu starr – die Planungen reagieren oft zu langsam auf Veränderungen, wie beispielsweise auf den demografischen Wandel, oder weisen regionale Ungleichheiten auf, allen voran in ländlichen Regionen. Die KVB-Erhebung zeigt deutlich, dass die Stadt Würzburg von einer Konzentration medizinischer Angebote profitiert, während der Landkreis bereits mit strukturellen Herausforderungen kämpft.
Die hausärztliche Versorgung ist in Würzburg Stadt sehr gut ausgebaut. Die hohe Dichte an Hausarztpraxen, insbesondere in zentralen Stadtteilen, ermöglicht eine schnelle und wohnortnahe Versorgung. Im Landkreis Würzburg hingegen zeigt sich ein differenziertes Bild: Während größere Gemeinden wie Höchberg, Veitshöchheim oder Ochsenfurt gut versorgt sind, bestehen in ländlicheren Gebieten wie Gaukönigshofen oder Gelchsheim bereits Versorgungslücken. Die KVB stuft einzelne Gemeinden bereits als „drohend unterversorgt“ ein, obwohl sich der Mittelwert hier noch bei einem Versorgungsgrad von 110 % bewegt.
Ein zentrales Problem ist die Altersstruktur der Hausärzte: In Würzburg-Land sind über 40 % der Hausärzte älter als 60 Jahre. Die Nachbesetzung freiwerdender Praxen gestaltet sich schwierig, da junge Ärztinnen und Ärzte häufig städtische Standorte bevorzugen. Es droht ein Praxen-Sterben. Der sich anbahnende Mangel im Landkreis Würzburg betrifft alle Fachrichtungen. Die drohenden Konsequenzen: die geringe Zahl an Fachärzten führt zu längeren Wartezeiten und damit letztendlich auch zu erhöhtem Patientenaufkommen in städtischen Praxen.
Und auch die kämpfen heute schon mit zusätzlichen Herausforderung und Engpässen. So altert die Bevölkerung, und mit dem Alter steigt der medizinische Betreuungsbedarf. Chronische Erkrankungen, multimorbide Patienten und regelmäßige Kontrolluntersuchungen führen zu einer höheren Nachfrage nach ärztlichen Leistungen. In Würzburg-Land ist dieser Effekt besonders spürbar, da hier der Anteil älterer Menschen überdurchschnittlich hoch ist, was den Druck auf die Versorgung zusätzlich erhöht. Die Sollzahlen aus den Bedarfsplänen laufen den Entwicklungen in der Realität oft nach. Was also als ausreichender Versorgungsgrad statistisch erfasst ist, spiegelt entsprechend die wahrgenommene und tatsächliche Terminlage in zahlreichen Praxen nicht wider.
Viele Ärztinnen und Ärzte arbeiten heute in Teilzeit oder in Anstellung, statt eine eigene Praxis zu führen. Das reduziert die verfügbare Sprechstundenzeit pro Kopf. In Würzburg Stadt ist die Versorgung durch medizinische Versorgungszentren (MVZ) und die Nähe zur Universitätsklinik stabil, doch im Landkreis fehlen zunehmend Nachfolger für ausscheidende Ärzte. Die KVB prognostiziert, dass bis 2040 bundesweit rund 5.000 Hausarztstellen unbesetzt bleiben könnten.
Ärzte arbeiten innerhalb eines festgelegten Budgets für gesetzlich Versicherte. Ist dieses ausgeschöpft, werden Leistungen nicht mehr voll vergütet. Das führt dazu, dass manche Praxen ihre Kapazitäten begrenzen müssen. Das deutsche Gesundheitssystem erlaubt freie Arztwahl, was zu Mehrfachvorstellungen und unnötigen Untersuchungen führt. Eine zentrale Steuerung fehlt, ebenso wie ein umfassender Austausch von Behandlungsdatenzwischen Praxen. Patienten müssen sich oft selbst durch das System navigieren, was ineffizient ist und Ressourcen bindet.
Auch wenn eine Region formal als „überversorgt“ gilt, kann es lokal zu Engpässen kommen. In Würzburg etwa sind viele Fachärzte auf bestimmte Stadtteile konzentriert, während in ländlichen Gemeinden kaum Facharztpraxen existieren. Die Folge: lange Anfahrtswege und überfüllte Praxen in zentraler Lage. Ärztinnen und Ärzte verbringen zunehmend Zeit mit überbordender Bürokratie sowie Verwaltungsaufgaben – diese Zeit fehlt für die Patientenversorgung, schränkt die telefonische Erreichbarkeit von Praxen ein und führt zu Öffnungszeiten, die nicht immer zur Lebensrealität der Patientinnen und Patienten passen.
Also nicht alles im grünen Bereich? Die DENKFABRIK Gesundheit widmet sich ausführlich und vorausschauend dem Thema der ärztlichen Versorgungslage in der Region. Beginnend mit der Analyse der Gründe für eine vielfach unbefriedigende Terminlage. Die Herausforderungen sind komplex, aber lösbar – durch Digitalisierung, gezielte Nachwuchsförderung, neue Versorgungsmodelle und eine bessere Steuerung der Patientenströme. Gelingt es, die ambulante Versorgung zukunftsfest zu gestalten, kann die Region Würzburg weiterhin eine hohe medizinische Qualität bieten.
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