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DENKFABRIK
Gesundheit by FLYERALARM e.V.
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97080 Würzburg
Jochen Seuling
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25 Jahre leitete Professor Berthold Jany die Innere Medizin der Würzburger Missioklinik, forschte in San Francisco, heute arbeitet er als Berater. Beim Longevity-Trend bleibt der Internist und Lungenfacharzt skeptisch. Im Interview verrät er, an welchen Stellen das Versprechen brüchig wird.
17.07.2026
Einige meiner Freunde aus der Grundlagenforschung haben plötzlich selbst Longevity-Substanzen entwickelt und vermarktet. Da dachte ich: Was treibt denn die um? Und ich fing an, mir das genauer anzuschauen. Mich interessierte: Was ist Fiktion, was Wahrheit? Was Wissenschaft, was Business?
Erst einmal die spannende Erkenntnis, dass beide Seiten voneinander profitieren: Die Wissenschaft greift das Thema auf, um Geld zu akquirieren. Und umgekehrt zieht die Lifestyle-Szene wissenschaftliche Ergebnisse für ihr Marketing heran. Genau da wird es heikel. Denn vieles wird unvollständig oder verkürzt erzählt. Das klassische Beispiel ist: Etwas funktioniert in der Zellkultur – und plötzlich klingt es so, als sei damit auch schon bewiesen, dass es beim Menschen wirkt. Dabei lässt sich das nicht einfach übertragen.
Jeden Tag 100 Pillen zu schlucken und jede Lebensäußerung von Einfuhr bis Ausscheidung maximal zu kontrollieren, das ist unfassbar selbstzentriert – und völlig losgelöst von der Lebenswirklichkeit von 95 bis 99 Prozent der Menschen. Das kostet ein unfassbares
Geld und folgt einer Machbarkeitsfantasie: Wenn ich nur alles gut kontrolliere und alle Daten schön berechne, dann kommt am Ende Gesundheit heraus. Aber so funktioniert das nicht.
Weil Leben und Gesundheit sich nicht komplett kontrollieren lassen. Es gibt immer äußere Einflüsse und Zufälle, die man weder berechnen noch ausschalten kann. Das blendet dieser Ansatz aus.
In den letzten 20 Jahren gab es einen enormen Wissenszuwachs. Wir verstehen heute viel besser, was Altern biologisch eigentlich ist und welche Prozesse dahinterstehen. Und ja, es gibt in Tiermodellen und im Labor Interventionen, die funktionieren. Bei Mäusen,
Ratten, Fadenwürmern oder in der Zellkultur sieht man Effekte. Aber je näher man an den Menschen herankommt, desto kleiner werden diese. Und wenn Dinge im kleinen Rahmen am Menschen getestet wurden, fielen die Ergebnisse fast immer negativ aus.
Weil man dafür eigentlich Studien über Jahrzehnte bräuchte. Man müsste einer Gruppe eine Substanz geben und der anderen nicht – und dann schauen, wer länger lebt. Das finanziert niemand, und ethisch ist es auch kaum machbar. Deshalb arbeitet man aktuell mit epigenetischen Uhren, also Verfahren, die das biologische Alter messen sollen. Wissenschaftlich spannend, aber noch nicht so zuverlässig geprüft, dass man seriös sagen könnte: Das ist ein Goldstandard für Langlebigkeit.
Ja, natürlich. Interessenten schicken Zellen in die USA, überweisen 1500 Dollar und bekommen zurück: Biologisch bist du 48 statt 52 Jahre alt. Nur: Was mache ich mit dieser Information? Und stimmt sie überhaupt? Genau das ist das Problem.
Für Nahrungsergänzungsmittel aller Art. NAD+, Resveratrol, Quercetin – all diese Stoffe zeigen in Modellen im Labor oder im Tierexperiment Veränderungen. Beim Menschen gibt es dafür keine überzeugenden Daten. Dasselbe gilt für Medikamente, die in der
Szene gefeiert werden.
In der Longevity-Szene wird erzählt, man könne sich sehr niedrig dosiert alle vier Wochen eine Spritze geben und damit das Gehirn schützen, Alzheimer vorbeugen und noch vieles mehr erreichen. Davon kann ich nur abraten. Bitte nicht nachmachen! Dafür gibt es
keinen Beweis. Da werden Nebensignale aus großen Studien genommen und plötzlich so erzählt, als sei das schon eine belastbare Empfehlung. Das ist unseriös.
Das ist der Traum der Szene. Aber bei dieser Komplexität ist das extrem unwahrscheinlich. Gesundes Altern hängt von so vielen Faktoren ab. Wie soll eine Pille soziale Beziehungen ersetzen? Oder Schlaf? Oder Bewegung? All das, was wirklich wichtig ist, lässt sich
nicht einfach schlucken.
Körperliche Aktivität ist für mich die Nummer eins. Ich war schon immer Läufer und gehe bis heute regelmäßig laufen, meist dieselbe Runde mit sechs bis sieben Kilometern, bergauf und bergab. Im Sommer gehe ich wandern, im Winter fahre ich Ski. Vor einigen Jahren habe ich außerdem mit Krafttraining begonnen. Das gibt mir mehr Stabilität.
Als ich noch in der Klinik arbeitete, lief Essen oft nebenbei, wenn gerade kurz Zeit war. Auf Dauer ist das eher Raubbau. Heute nehme ich mir dafür mehr Zeit und schaue genauer hin, was auf den Teller kommt: eher mediterran, mit gutem Olivenöl und mehr Eiweiß, auch aus pflanzlichen Quellen.
Vitamin D und Omega-3 gehören für mich ebenfalls dazu. Ich finde die Studienlage dazu interessant, gerade wenn solche Stoffe zusammen mit Bewegung betrachtet werden. Für mich sind sie aber kein Wundermittel, sondern eher eine mögliche Ergänzung. Eine pauschale Empfehlung würde ich daraus nicht ableiten. Solche Präparate sollte man immer mit dem eigenen Arzt besprechen.
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