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Parkinson gilt als unheilbar. In Baden-Baden haben zwei Therapeuten ein Programm entwickelt, mit dem der Showmaster Frank Elstner seit Jahren weiter auf der Bühne steht. Nun bringt der Würzburger Physiotherapeut Dominik Schuler diese Methode nach Mainfranken.
21.08.2026
von Rüdiger Behrens
Wer Frank Elstner kennt, und das sind in Deutschland einige Millionen, hat ihn vermutlich noch im Kopf als den Mann mit dem leicht amüsierten Lächeln, der auf der Wetten, dass…?-Bühne die Einfälle seiner Gäste auf die Probe stellte. Weniger präsent ist das Bild, das der Showmaster heute von sich selbst abgibt: ein Mittachtziger mit Boxhandschuhen, der mehrmals die Woche trainiert, der auf einer Matte liegt und mit einem eigenartig anmutenden Gerät gleichzeitig Arme und Beine bewegt; der sich, wie er es formuliert, durch seine Krankheit „boxt". Elstner hat Parkinson. Seit 2016 weiß er das. Und er hat, so sagen seine Therapeuten, etwas gefunden, das den Verlauf einer Krankheit verlangsamen kann, die bislang als unheilbar gilt.
Dieses „etwas" heißt, nüchtern betrachtet, Intensivtherapie. Entwickelt haben sie zwei Männer, die sich nach eigener Darstellung zunächst gar nicht vornahmen, Parkinson-Therapeuten zu werden. André Inthorn, Diplom-Sportwissenschaftler aus Köln, ist seit
2004 persönlicher Trainer von Frank Elstner. Marc Hohmann, Sportphysiotherapeut des Deutschen Olympischen Sportbundes, betreut seit Jahren Profisportler, darunter die Herren-Golf-Nationalmannschaft. Als Elstner seine Diagnose bekam, stellten sich die beiden eine schlichte Frage: Wie bringt man einen Fernsehmoderator Mitte siebzig wieder in einen Zustand, in dem er vor der Kamera bestehen kann – und zwar mit den Mitteln, die Sportwissenschaft und Physiotherapie zur Verfügung haben?
Was daraus entstand, firmiert unter dem Namen Baden-Health und hat seinen Sitz in der Beethovenstraße in Baden-Baden. Nun wird es, in adaptierter Form, auch an einem zweiten Ort angeboten: in Würzburg, bei Physiotherapeut Dominik Schuler.
Wer sich Parkinson vor Augen führt, denkt an Zittern, an versteifte Muskeln, an kleine, schlurfende Schritte, an einen Menschen, der Gleichgewicht und Haltung verliert. Die Krankheit entsteht, weil im Mittelhirn jene Nervenzellen absterben, die den Botenstoff Dopamin produzieren – und Dopamin ist, vereinfacht gesagt, der Schmierstoff, den das Gehirn braucht, um Bewegungen flüssig zu machen. Medikamentös lässt sich der Dopaminmangel eine Weile ausgleichen, doch der Verlauf der Krankheit ist progressiv. Noch hat niemand einen Weg gefunden, ihn zu stoppen. Was sich aber zeigt, inzwischen belegt durch eine wachsende Zahl von Studien, ist dies: Körperliches Training verlangsamt den Abbau. Es hält jene motorischen Reserven aktiv, die das Gehirn auch bei fortschreitender Krankheit noch besitzt; und es stellt, so die Vermutung der Neurologie, neue neuronale Verbindungen her.
Darauf baut das Konzept mit vier kombinierten Bausteinen, das Schuler jetzt in Würzburg anbietet: Der erste Baustein ist das sogenannte Parkinson-Boxen – eine Trainingsform, bei der Schlag- und Schrittkombinationen auf instabilen Untergründen ausgeführt werden. In den USA gibt es dazu die Kampagne „Rock Steady Boxing", in Deutschland die Aktion #fightparkinson der Parkinsonstiftung. Klinische Studien, unter anderem im Journal of Clinical Neuroscience und im Journal of Parkinson's Disease, haben gezeigt, dass Boxtraining Beweglichkeit, Balance und Lebensqualität messbar verbessert. „Es geht nicht darum, Gegner zu treffen, sondern darum, dass das Gehirn unter Belastung mehrere Aufgaben zugleich bewältigt. Schlagen, treten, balancieren, reagieren – in der Fachsprache heißt das ,Dual-Task-Training‘", erklärt Schuler.
Der zweite Baustein wirkt auf den ersten Blick fast befremdlich: ein Gerät, das aussieht wie ein auf den Rücken gelegtes Fahrrad. Es stammt aus der Schweiz, heißt „Giger MD“ und verspricht, was auf dem Papier nach Heilsversprechen klingt – bei näherem Hinsehen aber auf ernstzunehmender neurophysiologischer Forschung beruht. Der Patient liegt auf einer Matte und bewegt Arme und Beine synchron. In zwanzig Minuten kommen auf diese Weise bis zu 30.000 Gelenkbewegungen zusammen, vom System sehr genau in Frequenz und Phase vorgegeben. Eine Studie von Giselher Schalow, einem der wissenschaftlichen Begleiter des Verfahrens, wies bei acht Parkinson-Patienten nach zweieinhalb Monaten Training eine Verbesserung der Bewegungskoordination um rund 35 Prozent nach. Drei Monate nach Ende der Therapie sank der Wert wieder um 21 Prozent – ein Hinweis darauf, dass der Effekt reversibel ist, sobald das Training aussetzt. Ergänzt wird das neuropsychologische Therapieinstrument durch „Sensopro“-Training für Koordination, Gleichgewicht und Kraft.
Der dritte Baustein ist intensivierte Physiotherapie mit dem klassischen Instrumentarium: Mobilisation, Koordinationsschulung, Körperwahrnehmung. Hinzu kommen regenerative Maßnahmen, die die Durchblutung anregen und den Stresslevel senken sollen.
Der vierte, und das unterscheidet das Modell, das Schuler anbietet, von den meisten anderen Reha-Angeboten, ist die Eins-zu-eins-Betreuung. Kein Gruppentraining, keine halbstündigen Einheiten, sondern ein Programm, das sich über ein bis zwei Wochen erstreckt und in dem der Patient morgens und nachmittags bis zu sechs Anwendungen durchläuft, jede davon begleitet von Sport- und Physiotherapeut gemeinsam. Am Ende stehen standardisierte Tests, die den Erfolg messbar machen sollen.
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt in Mainfranken von einem Gremium, dessen Namen in Mainfranken aufhorchen lassen: Vorsitzender der deutschen Parkinsonstiftung und Direktor der neurologischen Universitätsklinik Würzburg ist Jens Volkmann – einer der profiliertesten Parkinson-Forscher des Landes. Das Programm, sagt er, sei „physiotherapeutisch innovativ und gut fundiert“. Es enthalte „alle Elemente, die für einen erfolgreichen Transfer in den Alltag der Absolventen wichtig sind".
Dominik Schuler, Jahrgang 1982, hat seine Praxis im Würzburger Stadtteil Versbach und betreibt weitere Standorte in Werneck, Gerolzhofen und Sennfeld. Ausgebildet zum staatlich anerkannten Physiotherapeuten, Heilpraktiker im Bereich Physiotherapie,
mit einer Vergangenheit im Profisport – einer, der seine Patienten lieber länger behandelt als schneller abrechnet. Parkinson war für ihn, wie er selbst sagt, lange kein Schwerpunkt. Über eine Zusammenarbeit mit Marc Hohmann und André Inthorn lernte er das Baden-Health-Konzept aus nächster Nähe kennen und entschied sich, es nach Mainfranken zu bringen.
„Ich komme aus dem Leistungssport. Dort ist es selbstverständlich, ständig nach Spitzenleistung zu streben. Im Zuge unserer Zusammenarbeit mit Baden- Health habe ich erlebt, welches Angebot diese Therapie für Menschen mit Morbus Parkinson bietet, gerade was die Lebensqualität betrifft. Das wollte ich auch hier in Würzburg möglich machen, regional und überregional“, sagt Schuler.
Er entschied sich, das komplette Baden-Health-Programm zu adaptieren – nicht nur das Boxen, sondern auch die „Giger-MD“-Therapie, den „Sensopro“- Balance-Trainer, das „SiWAVE“-System und die gesamte Struktur der Eins-zu-eins-Betreuung. Dafür musste in die Praxis investiert werden, in Geräte, in Räume, in zusätzliches Personal. Unterstützt wird Schuler dabei von der DENKFABRIK Gesundheit. Der Verein brachte sein Ärztenetzwerk ein, stellte wertvolle Verbindungen zur Würzburger Universitätsklinik her, unterstützt bei der Öffentlichkeitsarbeit. Der erste Vorsitzende, Jochen Seuling, formuliert den Anspruch der DENKFABRIK Gesundheit: „In Mainfranken haben wir anerkannte Forschung, wir haben eine hervorragende Universitätsneurologie, aber wir haben zu wenige Angebote, die Patienten in ihrer täglichen Lebenswirklichkeit unterstützen. Solche Lücken wollen wir mit unserer DENKFABRIK Gesundheit systematisch schließen. Deswegen packen wir hier mit an.“
Eine große Chance liegt darin, neue Motivation zu schaffen und den Patienten zu zeigen, dass die Erkrankung nicht zwangsläufig nur eine Verschlechterung bedeutet.
Parkinson ist, gemessen an der öffentlichen Aufmerksamkeit, eine unterschätzte Krankheit. Nach Auswertungen des Robert-Koch-Instituts auf Basis von Krankenkassendaten waren im Jahr 2022 rund 295.000 Menschen in Deutschland an Parkinson erkrankt, das entspricht 0,35 Prozent der Gesamtbevölkerung. Unter den ab 40-Jährigen beträgt die Häufigkeit 0,61 Prozent, unter den ab 65-Jährigen bereits 1,42 Prozent. Männer sind geringfügig häufiger betroffen als Frauen, das Risiko steigt mit dem Alter steil an. Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen rechnet damit, dass die Zahl der Betroffenen bis 2040 um rund fünfzig Prozent ansteigen wird – getrieben weniger durch eine höhere Erkrankungsrate als durch den demografischen Wandel.
"Die Patienten kommen meist mit konkreten Hoffnungen", sagt Schuler. „Die Gehfähigkeit verbessern, Bewegungen wieder besser kontrollieren, insgesamt aktiver werden. Wir arbeiten das gemeinsam heraus und richten die Therapie individuell darauf aus, vermitteln dabei aber auch realistische Perspektiven. Heilen lässt sich Parkinson mit einem solchen Programm nicht, das ist eine eindeutige Grenze.“ Dennoch würden Erfahrungen zeigen, dass sich Kraft, Koordination und Gleichgewicht deutlich verbessern können. „Eine große Chance liegt zudem darin, neue Motivation zu schaffen und den Patienten zu zeigen, dass die Erkrankung nicht zwangsläufig nur eine Verschlechterung bedeutet. Und das entlastet im Übrigen auch die Angehörigen spürbar."
Dazu bestünden enge Kooperationen mit neurologischen Fachzentren, insbesondere mit der Würzburger Universitätsklinik, so Schuler. „Seit dem Start der Therapie gibt es über Baden-Health eine Zusammenarbeit mit dem Direktor der Neurologischen Klinik, Professor Jens Volkmann, und seinem leitenden Oberarzt, Professor Daniel Zeller; beide sind in die Entwicklung der Intensivtherapie fortlaufend eingebunden. Hinzu kommt ein Austausch mit Experten aus Potsdam. Perspektivisch wollen wir gemeinsam größere Studien aufsetzen, um die Wirksamkeit wissenschaftlich weiter zu untermauern.“
Schulers Programm richtet sich an Menschen, die mit Parkinson leben und zusätzlich zur neurologischen Behandlung eine intensive, auf sie zugeschnittene Therapieeinheit suchen. Früh Erkrankte, die den Verlauf so lange wie möglich verlangsamen wollen. Patientinnen und Patienten in mittleren Stadien, bei denen die Medikamente an Wirkung verlieren. Möglicherweise auch Angehörige, die lernen wollen, wie sie zu Hause sinnvoll unterstützen können. Das Programm ist nicht für jede Lebenslage gedacht, und wer in der Praxis nach einem schnellen Erfolgserlebnis sucht, wird enttäuscht sein. Wer bereit ist, konzentriert zu arbeiten, bekommt ein Angebot, das es in dieser Dichte in Mainfranken bisher nicht gab.
„Wir beginnen mit einer ausführlichen Anamnese und wissenschaftlich fundierten Tests", sagt Schuler. „Kraft, Koordination, Gleichgewicht, Kognition, Schlafqualität, Lebensqualität. Auf dieser Basis entsteht der individuelle Therapieplan“, sagt Schuler. Der Tag besteht aus zwei intensiven Blöcken mit jeweils einer Stunde Physio- und Sporttherapie, dazu regenerative Einheiten am Vor- und Nachmittag. Es gibt eine ein- und eine zweiwöchige Variante, die längere bringe erfahrungsgemäß mehr. „Am Ende wiederholen wir die Eingangstests und besprechen die Ergebnisse ausführlich. Die Patienten gehen mit individuellen Trainingsempfehlungen nach Hause. Und eine Fortführung des Trainings bei uns in reduzierter Form ist für den nachhaltigen Erfolg im Grunde unverzichtbar.“
Eine Frage, an der das ganze Modell hängt, ist die der Bezahlbarkeit. Die Therapie wird als Privatleistung angeboten; private Kassen erstatten häufig Teile, gesetzliche Kassen bislang in der Regel nicht. „Natürlich ist eine so intensive Betreuung mit Kosten verbunden", sagt Schuler. „Gleichzeitig biete sie aber einen deutlich höheren individuellen Aufwand: Eins-zu-eins-Therapie, umfangreiche Testungen, eine sehr persönliche Begleitung. Diese Intensität ermöglicht Ergebnisse und Einblicke, die in klassischen Reha-Settings mit Gruppentherapien so kaum erreichbar seien. „Die Diskussion, ob das eine Frage des Einkommens ist, greift mir zu kurz. Perspektivisch geht es darum, diese Form der Therapie breiter zugänglich zu machen und stärker in die reguläre Versorgung zu integrieren.“
Er investiere konsequent in moderne Medizintechnik, weil er Behandlungen auf einem hohen Niveau anbieten möchte, so Schuler. „Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen die Physiotherapie zu kämpfen hat, ist es mir wichtig, alle verfügbaren Mittel zu nutzen, um meinen Patientinnen und Patienten schnell und wirksam zu helfen.“