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Gewalt gegen Pflegekräfte, Konflikte, die schneller kippen: Am Klinikum Würzburg Mitte stößt ein ganzes System an seine Grenzen. Die Teams behandeln Menschen in Not und schützen sich zugleich selbst. Wie viel davon kann die geplante Notfallreform auffangen?
10.08.2026
von Anna Butterbrod
Wenn Tobias Niederhammer, 51, nach seiner rund zehnstündigen Schicht am frühen Abend nach Hause kommt, schnappt er sich meist zuerst seinen Mops Buddy und spaziert eine Runde durch den Wald. „Dabei kann ich den Kopf gut freibekommen“, sagt der zweifache Vater. Er ist pflegerischer Leiter der Notaufnahme am Klinikum Würzburg Mitte (KWM), das zwei Standorte hat. Sein Büro befindet sich – genau wie die zentrale Notaufnahme – im Juliusspital in der Innenstadt. Dort, wo jeden Tag entschieden wird, wer zuerst Hilfe braucht. Seit 28 Jahren arbeitet Niederhammer in diesem Bereich und sagt: „Die Lage spitzt sich immer weiter zu.“
Was er meint, ist Gewalt im Klinikalltag. Ein Thema, das lange im Hintergrund blieb und inzwischen mit Zahlen belegt ist, die selbst erfahrene Mediziner aufhorchen lassen. Laut einer Umfrage des Deutschen Krankenhausinstitutes berichten 73 Prozent der Kliniken, dass es in ihren Notaufnahmen regelmäßig zu verbalen Übergriffen kommt. Rund 30 Prozent sprechen von häufigen körperlichen Angriffen auf Beschäftigte.
Im Juliusspital wird diese Entwicklung täglich spürbar. Rund 40 000 Patienten suchen jährlich die Notaufnahme auf, das sind über 100 am Tag. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2024 deutschlandweit rund 13 Millionen ambulante Notfälle in Notaufnahmen von Krankenhäusern behandelt – der höchste Wert seit Beginn der Erfassung 2018. Befragungen des Deutschen Krankenhausinstituts zeigen zudem, dass Gewaltvorfälle besonders häufig in Notaufnahmen auftreten und viele Beschäftigte dort regelmäßig damit konfrontiert sind. „Allein durch die räumliche Enge, die Lautstärke und die Hektik entsteht ein erhöhtes Aggressionspotenzial“, weiß Niederhammer.
Viele Konflikte beginnen unspektakulär. Jemand wartet länger als gedacht, fühlt sich übersehen, wird unruhig. Fragen wie „Wann geht es hier endlich weiter?“ oder „Kommt denn jemand?“ hört das Team ständig. „Je länger die Leute warten, desto fordernder und verbal aggressiver werden sie“, so Niederhammer.
Prof. Mathias Mäurer, Ärztlicher Direktor am Klinikum Würzburg Mitte, sieht darin ein Grundproblem der Notaufnahme. „Viele Menschen kommen mit Angst, sitzen dann mit 50 anderen im Wartebereich, und wir müssen priorisieren, wer wirklich dringend ist.“ Medizinisch ist diese Reihenfolge notwendig. Emotional ist sie schwer auszuhalten. Wer selbst Schmerzen hat, empfindet jede Minute als zu lang.
Der 58-jährige Mediziner unterscheidet klar zwischen verschiedenen Formen von Gewalt. Krankheitsbedingte Aggression habe es immer gegeben. „Damit müssen wir professionell umgehen.“ Schwieriger sei das Verhalten, bei dem keine medizinische Ursache im Vordergrund steht. „Was zugenommen hat, ist eine gewisse Anspruchshaltung.“ Er sieht darin eine Entwicklung, die über die Klinik hinausgeht. „Die Gesellschaft an sich ist sehr ichbezogen geworden. Uns fehlt an vielen Stellen Respekt und Anstand. Manchmal habe ich das Gefühl, der Gemeinsinn geht verloren.“
Was sich abstrakt anhört, hat in der Notaufnahme sehr konkrete Folgen: Wer Angst hat, Schmerzen spürt oder lange wartet, denkt zuerst an sich. Für das Personal kann daraus binnen Minuten Druck entstehen. Doch das Problem endet nicht im Wartebereich der Notaufnahme. Auch auf den Stationen erleben Beschäftigte, dass Angst oder Anspruchsdenken in Aggression umschlagen können: Pflegekräfte stehen am Bett, erklären Abläufe, beruhigen Angehörige, organisieren Untersuchungen und müssen Wartezeit aushalten, die sie selbst nicht verkürzen können. „Die Pflege bekommt oft die erste Frust-Welle ab“, sagt Christine Beyer, Pflegedirektorin am Klinikum Würzburg Mitte. Manche Patienten möchten bleiben, obwohl aus medizinischer Sicht keine stationäre Behandlung mehr nötig ist. Andere wollen gehen, obwohl das Team eine Selbstgefährdung sieht. Dann prallen Fürsorge, Patientenwille, rechtliche Vorgaben und Angehörigensorgen aufeinander. Beyer kennt Sätze wie: „Ich zahle so viele Krankenkassenbeiträge, warum kann ich nicht hierbleiben?“ Oder: „Sie haben doch keine Ahnung, das ist ungerecht!“ Ärzte würden in solchen Situationen von vielen Patienten anders wahrgenommen. „Wenn sie kommen, ist häufig mehr Respekt da.“
Viele Menschen kommen mit Angst, sitzen dann mit 50 anderen im Wartebereich, und wir müssen priorisieren, wer wirklich dringend ist.
Besonders schwierig wird es, wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Dann reichen Erklärungen oft nicht mehr aus, weil Gespräche schneller kippen. „Wir haben viele alkoholisierte Patienten, vor allem in der Notaufnahme. Dann funktioniert oft keine gute Kommunikation mehr“, erklärt die 52-Jährige. Die Stimmung kann innerhalb kurzer Zeit lauter, unberechenbarer und bedrohlicher werden. Das gilt besonders, wenn zusätzlich Angehörige oder Freundesgruppen anwesend sind.
Wie schnell daraus eine gefährliche Lage werden kann, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2021: Ein junger Mann dringt mit einer Pistolenattrappe in das Juliusspital ein, bedroht Pflegekräfte und versucht, einen Verwandten von der Intensivstation zu holen. Die Situation eskaliert innerhalb von Minuten, die Polizei greift ein. Solche Ereignisse sind selten. Trotzdem bleiben sie im Gedächtnis.
Oft sieht es weniger extrem aus, aber harmlos ist es deshalb nicht. Tobias Niederhammer beschreibt Situationen, in denen Patienten plötzlich eskalieren, von der Liege aufspringen und um sich schlagen. „Dann muss man schauen, dass man sich selbst in Sicherheit bringt, das Team im Blick behält und Abstand hält.“ Seine wichtigste Regel lautet: „Aus dem Weg gehen.“
Für erfahrene Kräfte wie Niederhammer sind solche Bewegungen irgendwann Routine. Für junge Kollegen ist das anders. Mit solchen Situationen umzugehen, lernt man nicht aus einem Lehrbuch. Vieles wird im Team weitergegeben – durch Gespräche, Beobachtung und das Teilen von Erfahrungen nach schwierigen Diensten.
Um das Personal im Juliusspital zu schützen, dreht ein hauseigener Sicherheitsdienst seine Runden. Früher gab es viele Eingänge, heute nur noch einen. Auch die Polizei ist eingebunden: „Die Beamten kommen sehr schnell und fackeln nicht lange“, betont Christine Beyer. Für Tobias Niederhammer ist die Zusammenarbeit eng und pragmatisch. Er hat eine direkte Ansprechpartnerin, dazu regelmäßige Team-Treffen mit der Polizei. „Meine Leute sollen verstehen, warum eine Streife manchmal zügig wieder aus der Notaufnahme verschwinden will. Umgekehrt ist es für die Polizei wichtig zu erstehen, warum sich das Team manchmal wünscht, dass sie noch etwas länger bleiben.“
Wir haben viele alkoholisierte Patienten, vor allem in der Notaufnahme. Dann funktioniert oft keine gute Kommunikation mehr.
Nicht jeder Vorfall wird angezeigt. „Wenn wir das tun würden, hätte niemand mehr Kapazität für seine Arbeit“, erläutert Prof. Mathias Mäurer. Bei schweren Fällen wird konsequent gehandelt, bei verbalen Entgleisungen häufig abgewogen. Das heißt nicht, dass
Beleidigungen einfach abprallen. Es zeigt eine Realität, in der selbst die Aufarbeitung von Gewalt im Dienstplan kaum vorgesehen ist.
Ein zentraler Treiber für Konflikte liegt im System selbst. „Die Hälfte derjenigen, die in der Notaufnahme sitzen, gehören da überhaupt nicht hin“, sagt Mäurer. Viele Menschen kommen mit Beschwerden, die eigentlich hausärztlich behandelt werden könnten. Warum gehen sie stattdessen in die Klinik? Ein Grund ist die fehlende Versorgung. „Immer mehr Menschen haben gar keinen Hausarzt mehr“, bringt es Tobias Niederhammer auf den Punkt. Zwar gibt es in Deutschland weiterhin viele Hausärzte. Doch die Versorgung kommt nicht überall bei den Menschen an: Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr auf, Termine sind schwer zu bekommen, und in manchen Regionen findet sich für ältere Hausärzte keine Nachfolge. Dazu kommt: Jüngere Mediziner arbeiten häufiger angestellt oder in Teilzeit. Mehr Namen auf der Ärzteliste bedeuten deshalb nicht automatisch mehr freie Sprechstunden. Wer dann Fieber, Schmerzen oder Angst hat, wählt oft den Ort, der immer offen ist: das Krankenhaus.
Es saß auch schon jemand weinend vor mir.
Dazu kommt die Hoffnung, dort schneller Klarheit zu bekommen. Prof. Mathias Mäurer formuliert es nüchtern: „Es gibt einige, die genau wissen: Im Krankenhaus bekomme ich direkt meine fachärztliche Abklärung, statt vier Monate auf einen Termin zu warten.“ Für die einzelne Person ist das nachvollziehbar. Für die Notaufnahme wird das zum Problem, weil jeder nicht dringliche Fall Zeit, Aufmerksamkeit und Personal bindet. Daraus entsteht ein Missverständnis, das immer wieder Ärger auslöst: In der Notaufnahme zählt nicht, wer zuerst gekommen ist, sondern wer am dringendsten Hilfe braucht. „Die Notaufnahme ist keine Terminpraxis. Ich bin da kein Kunde, sondern Patient“, sagt Mäurer.
Die Politik versucht, Patienten in Zukunft an die richtige Stelle zu lotsen. Im April 2026 hat das Bundeskabinett den Entwurf für eine Reform der Notfallversorgung auf den Weg gebracht. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken stellte diese als notwendigen Schritt dar. Ziel ist es, Patienten besser zu lenken und Notaufnahmen zu entlasten.
Künftig soll die 116 117 – die bundesweite Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes – stärker als Anlaufstelle für akute Beschwerden genutzt
werden. Dort wird telefonisch eingeschätzt, ob jemand in eine Notaufnahme muss, beim Bereitschaftsdienst richtig ist oder einen regulären Praxistermin
braucht. An Kliniken sollen integrierte Notfallzentren entstehen, in denen Patienten gezielter weitergeleitet werden.
„An sich ist die Idee gut“, urteilt Christine Beyer. „Denn sie würde das Patientenaufkommen in den Notaufnahmen steuern und Wege kanalisieren.“ Wenn das gelingt, könnten Wartebereiche ruhiger werden, Teams mehr Zeit für echte Notfälle haben und Konflikte seltener entstehen.
Für sie bleibt bei der Umsetzung vieles offen: „Wie die gelingt, ist für mich noch ein Fragezeichen, da genau diese Steuerung und Kanalisierung jemand
vornehmen muss“, so Beyer. Dafür brauche es „eine Struktur, Technik, Personal und eine Finanzierung“. Je nachdem, welche Rolle die Notaufnahme dabei
übernehmen müsse, könne daraus auch zusätzlicher Aufwand entstehen. Eine Reform, die auf dem Papier entlastet, kann in der Praxis belasten, wenn die
Verantwortung unklar verteilt ist. Das gilt besonders nachts, am Wochenende oder an Tagen, an denen der Wartebereich ohnehin voll ist und Rettungsdienste im Minutentakt neue Patienten bringen. Dann braucht es keine schöne Idee, sondern funktionierende Abläufe.
Kritik kommt unter anderem von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sie warnt vor zusätzlichen Leistungsversprechen, für die es aus ihrer Sicht keine ausreichenden Ressourcen gibt. Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt bezeichnete den Entwurf als „unzureichend, unausgereift und in zentralen Punkten realitätsfern“ und warnte vor Doppelstrukturen, die Personal binden würden, das schon jetzt fehlt.
In den Teams vor Ort sind die Belastungsgrenzen oft erreicht. „Es saß auch schon jemand weinend vor mir“, erinnert sich Tobias Niederhammer. In solchen Momenten braucht es vor allem Zeit und ein offenes Ohr. „Oft hilft es, wenn Kollegen die Situation noch einmal erzählen können. Im Idealfall spricht man darüber mit allen, die an dem Tag beteiligt waren. Das tut ihnen in der Regel gut.“
Unterstützung gibt es auch von außen. Die PSU-Helpline – PSU steht für psychosoziale Unterstützung – bietet eine kostenfreie, vertrauliche und anonyme Telefonberatung für Beschäftigte im Gesundheitswesen, die belastende Situationen erlebt haben. Dahinter stehen regionale Netzwerke aus Rettungsdienst, Kliniken und Hilfsorganisationen. Das Angebot richtet sich an alle im Gesundheitswesen, unabhängig von Funktion oder Hierarchie. Die PSU-Flyer liegen in der Klinik aus.
Ich weiß nicht, wie lange ich das überhaupt noch machen will.
Und trotzdem bleibt die Frage, wie lange Menschen solche Belastungen aushalten. Wenn Beschäftigte hadern, dann nicht allein wegen der zunehmenden Gewalt – darin sind sich die drei Fachleute aus dem Klinikum Würzburg Mitte einig. Es geschehe eher, weil
vieles zusammenkommt: Schichtdienst, Zeitdruck, Verantwortung, Personalmangel und Erlebnisse, die nach Dienstende nicht einfach verschwinden. Ob Tobias Niederhammer selbst schon einmal darüber nachgedacht hat, diesen Job hinzuwerfen? „Ehrlich gesagt, ja“, verrät er – aber macht sofort klar: Solche Gedanken blieben bei ihm nie lange.
In Gesprächsrunden taucht diese Frage immer wieder auf. Kollegen sagen dann: „Ich weiß nicht, wie lange ich das überhaupt noch machen will.“ Niederhammer nimmt solche Momente ernst. Die Notaufnahme verlangt viel, fachlich und menschlich. Manche verarbeiten schwierige Situationen besser, andere tragen länger daran.
Bei ihm überwiegt bis heute die andere Seite: „Wenn man einmal den Notaufnahme-Virus in sich hat, dann kriegt man den schwer wieder los.“ Er meint das Tempo, die Unmittelbarkeit, das Gefühl, im richtigen Moment etwas bewirken zu können. Ein Mensch kommt in schlechtem Zustand, das Team reagiert, jemand wird stabilisiert, Angehörige atmen auf. „Trotz allem ist es ein schöner Arbeitsplatz, der Spaß macht“, findet er.
Kleine Gesten gibt es immer wieder: Patienten, die sich bedanken, eine Karte schreiben oder wieder genesen mit einem Blumenstrauß vorbeikommen. Die Karten werden neben dem Dienstplan aufgehängt. Besonders schöne Nachrichten fotografiert Tobias Niederhammer ab und teilt sie in der Chat-Gruppe der Notaufnahme, damit auch jene sie sehen, die gerade nicht im Einsatz sind.
Solche Momente geben etwas zurück. Aber sie ersetzen nicht das, was nach einem schweren Dienst wichtig bleibt: Abstand. Tobias Niederhammer findet ihn bei seiner Familie, bei Freunden, in einem Alltag, der nichts mit Notfällen zu tun hat. Und beim Spaziergang mit seinem Hund. Wenn er am Abend durch den Wald geht, wird es langsam ruhiger. Die Stimmen aus der Notaufnahme werden leiser, die Bilder verschwinden. Für eine Weile gibt es nur den Weg, die Bäume und einen Mops namens Buddy, der
von all dem nichts weiß.
Nicht alles ist ein Fall für die Notaufnahme. Manches kann warten, anderes braucht sofort Hilfe. Diese Übersicht sortiert, was wann passt.
Die Hausarztpraxis ist die erste Anlaufstelle, wenn keine Lebensgefahr besteht und die Behandlung bis zu den regulären Sprechzeiten warten kann. Zum Beispiel bei:
Die 116117 ist richtig, wenn außerhalb der Sprechzeiten ärztlicher Rat gebraucht wird, aber kein Notfallvorliegt. Zum Beispiel bei:
Die Notaufnahme ist für akute gesundheitliche Probleme gedacht, die rasch behandelt werden müssen und nicht bis zur nächsten Praxisöffnung warten können. Zum Beispiel bei:
Sofort 112 wählen, wenn akute Lebensgefahr besteht oder ein schwerer Notfall vorliegt. Zum Beispiel bei: