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60.000 Darmkrebs-Diagnosen pro Jahr – und kaum eine Krebsart ließe sich leichter vermeiden. Der Würzburger Internist Martin Dreier hat die Vorsorge-Koloskopie seit 2002 begleitet. Im Interview verrät er, wie sich die Untersuchung verändert hat und wo sie wirklich Leben rettet.
25.07.2026
von Anna Butterbrod
Leider wiederholt sich ein bestimmtes Muster. Da kommen Patienten Ende 50 oder Anfang 60, haben vielleicht schon Blut im Stuhl bemerkt und ahnen eigentlich, dass etwas nicht stimmt. Trotzdem ziehen sie es noch hinaus, bis der Hausarzt drängt oder die Ehefrau sagt: „Jetzt gehst du endlich!“ Dann machen wir die Spiegelung, finden einen Tumor, der operiert werden muss – und man denkt sich: Ein oder zwei Jahre früher hätte man das wahrscheinlich noch in einem viel früheren Stadium erwischt. Das ist ja das Entscheidende beim Darmkrebs: Er entsteht meistens nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich über Jahre aus gutartigen Polypen. Das Zeitfenster ist also groß, man muss es nur nutzen.
Ein großer Teil hat Angst vor dem Ergebnis. Nach dem Motto: Was ist, wenn Darmkrebs gefunden wird? Da versuche ich zu erklären: Das Ziel der Vorsorge ist ja gerade nicht, einen fertigen Krebs zu entdecken. Das Ziel ist, die Vorstufe zu finden. Polypen treten ab dem 50. Lebensjahr sehr häufig auf, bei 30 bis 40 Prozent. Das ist erst einmal nichts Dramatisches. Diese gutartigen Vorstufen kann man entfernen – und damit verhindern, dass daraus später Krebs entsteht.
Die Darmschleimhaut erneuert sich ständig. Wenn dabei kleine Fehlwucherungen entstehen, sprechen wir von Polypen. In der Gewebeprobe heißen sie Adenome. Diese kleinen Veränderungen können jahrelang ganz ruhig bleiben. Irgendwann werden manche zum Wachstum angeschaltet, vergrößern sich über sieben oder acht Jahre weiter und kippen dann im ungünstigen Fall in die Bösartigkeit. Deshalb ist die Darmspiegelung so wirksam: Wir sehen diese Vorstufen und können sie gleich entfernen.
Viele Menschen empfinden alles, was mit diesem Körperbereich zu tun hat, erst einmal als unangenehm. Deshalb braucht es ein gutes Gespräch und eine Praxis, in der gewissenhaft erklärt wird, wie das abläuft. Wer einmal da ist, hat sich innerlich meist schon fast entschieden. Dann geht es darum, die
restliche Unsicherheit zu nehmen.
Die Untersuchung hat sich stark verändert. Das Schlafmittel, das wir heute verwenden, hat sehr viel verbessert. Früher bekamen die Patienten eher ein Beruhigungsmittel, waren lange benommen und haben teilweise doch etwas mitbekommen. Heute kann man mit einem Medikament arbeiten, das sehr schnell wirkt und auch rasch wieder abgebaut wird. Das hat die Untersuchung für viele deutlich angenehmer gemacht. Außerdem verwenden wir heute medizinisches CO2 statt Luft, um den Darm zu entfalten. Das Gas wird anschließend über die Lunge wieder abgeatmet. Dadurch haben viele Patienten nachher kaum noch Beschwerden.
Ja, deutlich. Früher musste man vier Liter Abführmittel trinken. Heute ist das Standardverfahren meist ein Granulat, das in einem halben Liter Flüssigkeit am Abend und einem halben Liter am Morgen aufgelöst wird. Dazu sollte man jeweils einen halben Liter weitere Flüssigkeit trinken. Es gibt auch Konzentrate mit nur 150 Millilitern pro Portion, dann muss man aber entsprechend mehr anderes dazu trinken. Für die meisten ist die heutige Vorbereitung deutlich besser machbar. Der einzige Haken: Das Abführmittel ist sehr süß. Mein Rat: in kleinen Schlucken trinken und immer wieder mit etwas anderem nachspülen. Gegen den starken Geschmack hilft manchen alkoholfreies Bier, weil die Bitterkeit einen Gegenpol bildet. Durch das Abführen kann der After anfangen zu brennen, daher sollte man sich an dieser Stelle gut eincremen.
Ohne Besonderheiten etwa 20 bis 25 Minuten. Zuerst schieben wir das Gerät bis zum Blinddarm vor. Das kann schnell gehen oder auch mal deutlich mehr Zeit brauchen, etwa bei Verwachsungen nach Operationen. Dann kommt der wichtige Teil: der langsame Rückzug. Dafür nehmen wir uns acht bis zehn Minuten Zeit, weil sich nur so kleine Veränderungen zuverlässig entdecken lassen. Wenn Polypen entfernt werden, verlängert sich die Untersuchung entsprechend.
Nach einer Darmspiegelung können die meisten ganz normal essen, vor allem wenn nichts entfernt wurde. Wer lieber mit Suppe oder leichter Kost anfängt, kann das natürlich machen – aber medizinisch betrachtet ist das nicht nötig. Wichtig ist nur: Wenn ein Schlafmittel gegeben wurde, muss man sich abholen lassen und darf mindestens zwölf Stunden nicht Auto fahren. Am nächsten Tag ist normalerweise alles wieder in Ordnung. Am Untersuchungstag sollte man auf Alkohol verzichten und weder wichtige Entscheidungen treffen noch Verträge unterzeichnen, auch wenn man sich schon wieder wach fühlt. Das Schlafmittel kann noch nachwirken und Reaktionsvermögen sowie Einschätzung beeinflussen.
Ja, und die muss man offen ansprechen. Komplikationen sind selten, aber es gibt sie. Vor allem Darmverletzungen oder Nachblutungen nach größeren
Polypenabtragungen. Das Risiko liegt bei ungefähr drei von 10 000 Untersuchungen. Dem gegenüber steht aber ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko
für Darmkrebs in der Bevölkerung. Die Untersuchung ist nicht völlig risikofrei, aber ihr Nutzen ist sehr groß.
Für den Dünndarm gibt es bereits eine Kapselendoskopie: Man schluckt eine kleine Kamera, die auf ihrem Weg Bilder macht. Für den Dickdarm ist das schwieriger. Er ist größer, die Kamera müsste viel mehr Fläche erfassen – und selbst wenn sie etwas entdeckt, kann sie nichts entfernen. In dem Fall wäre trotzdem eine klassische Darmspiegelung nötig. Spannender ist deshalb ein anderer Ansatz: bessere Stuhltests. Statt nur nach Blut zu suchen, könnte man künftig gezielt genetisches Material von Polypen nachweisen. Wenn diese Verfahren präziser werden, könnten langfristig nur noch die Menschen zur Spiegelung müssen, bei denen wirklich ein auffälliger Befund vorliegt.
Besser, als viele denken – aber nur, wenn man ihn wirklich regelmäßig macht und ein positives Ergebnis ernst nimmt. In Studien lag die Reduktion der Erkrankungsfälle beim Stuhltest bei rund 70 Prozent, bei der Vorsorge-Koloskopie bei etwa 77 Prozent. Entscheidend ist: Wenn der Test positiv ist, muss gespiegelt werden, sonst bringt er nichts. Manche versuchen, noch zwei- oder dreimal nachzutesten, bis das Ergebnis vielleicht wieder negativ ist. Aber ein bisschen Blut im Stuhl gibt es in diesem Zusammenhang nicht, da ist es wie beim Schwangerschaftstest: Entweder er ist positiv oder eben nicht.
Das ist der Klassiker. Vorsorge richtet sich ja an Menschen ohne Beschwerden. Genau deshalb ist sie so schwer zu vermitteln. Man unterzieht sich einer unangenehmen Untersuchung, obwohl man sich gesund fühlt. Aber der große Vorteil ist: Wenn die Spiegelung
unauffällig ist, hat man für zehn Jahre Ruhe. Das ist bei vielen anderen Vorsorgeuntersuchungen ganz anders. Und die Daten zeigen sehr klar, dass wir mit der Vorsorge Krebs früher finden – oder sogar verhindern.
Inzwischen ab 50 Jahren, bei Männern wie bei Frauen. Die Altersgrenze lag zunächst höher, aber die Zahlen haben gezeigt, dass ein Start mit 50 sinnvoll ist. Bei familiärem Risiko gilt etwas anderes: Wer einen Verwandten ersten Grades mit Darmkrebs hat, sollte sich zeitiger untersuchen lassen – in der Regel zehn Jahre vor dem Erkrankungsalter des Angehörigen, spätestens aber mit 40.
Blut im Stuhl ist ein wichtiges Signal, aber nicht das einzige. Auch anhaltende Bauchschmerzen, Veränderungen beim Stuhlgang, sehr dünner Stuhl oder
ungewollter Gewichtsverlust können Symptome für Darmkrebs sein. Das Problem ist: Diese Beschwerden sind oft unspezifisch und können auch harmlosere Ursachen haben. Halten sie an, sollte das ärztlich untersucht werden.
Ja. Ich halte sie heute für enorm effektiv. Die statistischen Daten über viele Jahre zeigen eindeutig: Wir finden mehr frühe Stadien, die Heilungschancen
sind dann sehr hoch. Manchmal erwischen wir Krebs sogar in dem Moment, in dem er gerade erst entsteht – also noch im Polypen. Dann reicht es unter Umständen, diesen komplett abzutragen, ohne eine weitere Operation. Das ist für mich einer der stärksten Punkte überhaupt. Wir sind oft nicht zu spät, sondern wirklich früh dran.
Zum einen die Sinnhaftigkeit von Vorsorge. Zum anderen, dass Darmkrebs nicht völlig losgelöst vom eigenen Lebensstil entsteht. Bewegung und Ernährung haben einen großen Einfluss darauf. Es gibt keine spezielle Diät, die sicher schützt. Aber es gibt Gewohnheiten, die günstiger sind als andere.
Empfehlenswert ist eine gemüsereiche, insgesamt eher mediterrane Ernährung. Fleisch, raffinierte Produkte, Zucker und Alkohol sollten eher Genussmittel bleiben und nicht die Grundlage des Essens sein. Beim Darmkrebs gibt es recht klare Hinweise, dass vor allem rotes Fleisch in größeren Mengen die Entstehung fördern kann. Dazu kommt Bewegung, Bewegung, Bewegung. Das ist aus meiner Sicht das A und O.
Viele Vorsorgeangebote sind klare Kassenleistungen und lassen sich ohne großen Aufwand nutzen. Wer die wichtigsten Altersgrenzen kennt, behält den Überblick und kann Untersuchungen gezielt einplanen
Ab 50 Jahren können gesetzlich Versicherte zwischen zwei Wegen wählen: entweder ein Stuhltest alle zwei Jahre oder eine Darmspiegelung (Koloskopie) zur Früherkennung. Fällt ein Stuhltest positiv aus, übernimmt die Kasse zur Abklärung eine Darmspiegelung.
Wer sich direkt für die Darmspiegelung entscheidet, ist nicht parallel im regelmäßigen Stuhltest-Programm. Die Kasse zahlt zwei Vorsorge-Koloskopien im Abstand von mindestens zehn Jahren.
Standardimpfungen übernimmt die Kasse vollständig. Dazu gehören unter anderem Tetanus, Diphtherie, Masern sowie Grippe und COVID-19 für bestimmte Gruppen. Auch viele Reiseimpfungen werden von einzelnen Kassen ganz oder teilweise bezahlt.
Ab 18 Jahren gibt es einmalig einen Gesundheits-Check. Ab 35 Jahren wird er alle drei Jahre übernommen. Untersucht werden Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin und allgemeine Risikofaktoren für Herz- Kreislauf-Erkrankungen.
Ab 35 Jahren zahlt die Kasse alle zwei Jahre ein Hautscreening. Der Arzt untersucht die gesamte Haut auf auffällige Veränderungen. Einige Kassen übernehmen die Untersuchung bereits früher oder häufiger als Zusatzleistung.
Frauen zwischen 20 und 34 Jahren können jährlich einen Pap-Abstrich machen. Ab 35 Jahren wird alle drei Jahre ein Kombitest aus Pap-Abstrich und HPV-Test übernommen. Diese Kombination erkennt Zellveränderungen oft deutlich früher.
Männer ab 45 Jahren haben Anspruch auf eine jährliche Tastuntersuchung der Prostata. Ein PSA-Bluttest gehört nicht zur regulären Kassenleistung, wird aber häufig als individuelle Gesundheitsleistung angeboten.
Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf zwei Kontrolluntersuchungen pro Jahr. Erwachsene können einmal pro Kalenderjahr zur Vorsorge gehen. Wer regelmäßig zur Vorsorge geht und die Termine im Bonusheft dokumentiert, bekommt später mehr Geld
von der Kasse zum Zahnersatz. Je länger die Einträge, desto höher der Zuschuss.
Eine generelle Kassenleistung gibt es für Erwachsene ohne Beschwerden nicht. Bei Risikofaktoren wie Diabetes oder Bluthochdruck werden Kontrollen übernommen. Augenerkrankungen wie Glaukom bleiben oft lange unbemerkt.
Frauen zwischen 50 und 75 Jahren werden alle zwei Jahre zum Mammographie-Screening eingeladen. Früherkennung kann die Behandlungsmöglichkeiten verbessern.